RE: Darf ich alles sein?
Meine Tochter sitzt am Tisch. Vier Jahre alt.
Ein rosa Einhorn-Glitzerpullover, der bei Sonne unsere Küche in ein Diskokugelerlebnis verwandelt.
Sie hält ein Lammkotelett mit beiden Händen und knabbert es vom Knochen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Der Fleischsaft läuft über ihre Finger, schmiert ihre Wangen.
Sie lacht.
Sie ist ganz da.
Und ich sitze ihr gegenüber und bin plötzlich voller Ehrfurcht.
Wann haben wir eigentlich verlernt, was es heißt, Frau zu sein?
Nicht „richtig“, nicht „schön“, nicht „angemessen“ – sondern wahr. Ganz. Ungeteilt.
Wir haben gelernt, leise zu essen.
Uns die Hände abzuwischen, bevor jemand Anstoß nehmen könnte.
Unsere Wildheit zu erklären oder zu entschuldigen.
Unsere Stärke kleinzufalten, bis sie in gesellschaftlich akzeptable Formen passt.
Und dann sitzt da dieses vierjährige Kind.
Glitzer und Knochen.
Zartheit und Hunger.
Sanft und kompromisslos zugleich.
Sie verkörpert alles.
Ohne es zu wissen.
Ohne es rechtfertigen zu müssen.
Vielleicht geht es beim Frausein gar nicht darum, etwas zu werden.
Vielleicht geht es darum, sich zu erinnern.
An diesen Zustand, in dem wir beides waren:
Einhorn und Raubtier.
Glanz und Blut.
Liebe und Appetit auf das Leben.