RE: Warum kann ich das nicht einfach?

Du hast dir vorgenommen, es zu sagen. Das Gespräch zu führen. Die Grenze zu setzen.

Und dann stehst du davor. Und plötzlich sagt etwas in dir: „Doch nicht.“

Vor ein paar Wochen sagt mein Sohn genau denselben Satz. Wir sind in der Therme. Vor uns eine Tunnelrutsche. Sie sieht aus, als würde sie dich oben verschlucken und unten wieder ausspucken - nass und durchgespült.

Er sagt: „Ich will.“ Also gehen wir die Treppen hoch. Oben angekommen: Stillstand.

Dieser Blick, der gleichzeitig mutig und völlig überfordert ist. „Doch nicht.“

Also gehen wir wieder runter. Kein „Jetzt aber“. Kein „Du wolltest doch“. Kein „Stell dich nicht so an“. Ich merke, wie überflutet sein Nervensystem gerade ist.

Eine Stunde später sagt er wieder: „Ich will.“ Also gehen wir wieder hoch. Oben wieder: „Ich kann nicht.“ Also gehen wir wieder runter.

Und ich merke, wie sehr unser System – ja, auch meins – in solchen Momenten nach einer Abkürzung sucht. Nach dem einen Satz. Dem einen Trick. Dem einen Push.

Dabei glaube ich, dass wir Mut oft mit Überwindung verwechseln. Als müsste ein Körper nur genug gegen sich selbst gewinnen, damit Wachstum passiert. Meine Erfahrung ist eine andere.

Wachstum entsteht dann, wenn ein Körper spürt: Jetzt ist genug Raum und Halt da für den nächsten Schritt.

Manchmal sieht Wachstum deshalb so aus: Annähern. Weggehen. Atmen. Wiederkommen. Kontakt. Pause. Orientierung. Wiederkommen.

Wir feiern oft den Moment, in dem jemand endlich rutscht. Ich glaube, wir sollten viel öfter den Weg zurück zur Treppe feiern. Wir sollten feiern, wenn jemand bei sich bleibt - ohne wegzulaufen - ohne überwinden.

Dort lernt ein System:

Ich darf Nein sagen.

Ich darf umdrehen.

Ich darf wiederkommen.

Eine Stunde später gehen wir noch einmal hoch. Dieses Mal rutschen wir zusammen. Nicht, weil ich ihn überzeugt habe, sondern weil sein Körper inzwischen genug Sicherheit gesammelt hat. Und vielleicht ist genau das die Grundlage von dem, was wir später Selbstvertrauen nennen.

Nicht, weil wir gelernt haben, uns zusammenzureißen, sondern weil wir erfahren haben: Meine Angst, Unsicherheit, Nicht-Leisten beendet die Beziehung nicht.

Warum ich dir das erzähle?

Weil ich das in so vielen erwachsenen Themen wiedersehe.

Du willst etwas. Ein Gespräch führen. Eine Grenze setzen. Dich zeigen. Eine Entscheidung treffen. Und dann stehst du oben an deiner eigenen Tunnelrutsche.

Etwas in dir sagt: „Doch nicht.“

Und sofort geht etwas in dir los:

Ich bin zu ängstlich.

Ich bin nicht mutig genug.

Ich müsste mich einfach überwinden.

Ich glaube nicht, dass du zu langsam bist. Ich glaube nicht, dass du zu wenig Mut hast oder zu ängstlich bist. Ich glaube, dein System ist weise und ich glaube, sich dem hinzuwenden was da im Weg steht anstatt es zu überwinden.

Manchmal ist runtergehen kein Rückschritt. Manchmal ist es genau das, was den nächsten Weg nach oben überhaupt erst möglich macht.

Nicht, weil du aufgegeben hast, sondern weil dein Körper Zeit bekommen hat, Raum und Halt aufzubauen, statt sich einfach nur zusammenzureißen.

Vielleicht sehnen wir uns als Erwachsene gar nicht nach jemandem, der uns sagt, wir müssten nur mutiger sein. Vielleicht sehnen wir uns nach jemandem, der mit uns noch einmal die Treppen hochgeht. Der nicht enttäuscht ist, wenn wir wieder umdrehen. Der darauf vertraut, dass aus einem ehrlichen Nein irgendwann ein eigenes Ja werden kann. Genau so verstehe ich meine Arbeit.

Was ist deine Tunnelrutsche gerade?

Schreib mir: „Meine Tunnelrutsche ist gerade: …“

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RE: Darf ich alles sein?